1.
▶︎ Demenz ist ein Zustand – nicht die eigentliche Diagnose
Das war für uns eine der wichtigsten begrifflichen Erkenntnisse: Demenz beschreibt zunächst nur den Zustand, in dem die geistige Leistungsfähigkeit so weit nachgelassen hat, dass selbstständiges Leben zunehmend schwierig wird. Entscheidend ist die Ursache dahinter. Alzheimer ist die häufigste, daneben gibt es unter anderem vaskuläre, frontotemporale und Parkinson-assoziierte Demenzformen.
2.
▶︎ Nicht jede Vergesslichkeit ist ein Warnsignal
Namen vergessen, den Schlüssel verlegen oder im Keller nicht mehr wissen, was man eigentlich holen wollte: Das kann zum normalen Älterwerden gehören. Auffällig wird es, wenn Inhalte aus dem Kurzzeitgedächtnis regelmäßig verschwinden – obwohl wir konzentriert waren – und wenn solche Veränderungen über Wochen oder Monate bestehen bleiben. Besonders wichtig: Oft bemerkt das Umfeld ziemlich gut, wann etwas nicht mehr „normal“ wirkt.
"JE höher meine Bildung ist, und je mehr aktiv ich im Beruf bin, desto mehr schützt mich das vor Demenz."​​​​​​​
Prof. Dr. Frank Jessen
3.
▶︎ Fast die Hälfte unseres Demenzrisikos können wir beeinflussen
Das hat uns überrascht: Ein großer Teil des Lebenszeitrisikos hängt mit potenziell veränderbaren Faktoren zusammen. Dazu zählen nicht nur Bewegung, Ernährung, Rauchen oder Diabetes, sondern auch Bildung, geistige Aktivität, Depression, Einsamkeit, Seh- und Hörstörungen und sogar Kopfverletzungen. Prävention beginnt also nicht erst im hohen Alter – sondern sehr viel früher.
4.
▶︎ Einsamkeit ist kein Gefühl am Rand – sondern ein Gesundheitsrisiko
Prof. Jessen nennt Einsamkeit ein „Megaproblem“. Denn wenn soziale Kontakte fehlen, fehlt nicht nur emotionale Nähe, sondern auch kognitive Anregung. Gleichzeitig steigt das Stressniveau. Soziale Beziehungen, Gruppen, Ehrenamt oder gemeinsame Aktivitäten sind deshalb nicht nur schön – sie können ein wichtiger Teil von Hirngesundheit sein.
5.
▶︎ Schlecht hören kann dem Gehirn schaden
Über Sehschwächen sprechen wir selbstverständlich und holen uns eine Brille. Hörprobleme werden dagegen oft jahrelang verdrängt. Genau das kann problematisch sein: Wenn weniger akustischer Input im Gehirn ankommt, wird es auch weniger angeregt. Deshalb rät Jessen ausdrücklich dazu, Hörprobleme ernst zu nehmen und nicht aus Eitelkeit auf ein Hörgerät zu verzichten.
6.
▶︎ Chronischer Stress ist auch Gehirnstress
Stress, Depressionen und Angststörungen sind nicht nur psychische Themen. Jessen beschreibt Zusammenhänge mit neuroinflammatorischen Prozessen im Gehirn. Besonders eindrücklich: Studien zeigen, dass lange Phasen klinischer Depression mit einem Jahrzehnte später erhöhten Demenzrisiko verbunden sein können. Auch bei posttraumatischen Belastungsstörungen zeigt sich dieser Zusammenhang. Das bedeutet nicht, dass Stress automatisch Demenz verursacht – aber dauerhaft unter Hochspannung zu leben, ist für das Gehirn offenbar nicht folgenlos.
7.
▶︎ Ein Mensch mit Demenz wird nicht wieder zum Kind
Diese Vorstellung ist verbreitet – und sie ist falsch. Prof. Jessen widerspricht der Idee einer „Rückentwicklung zum Kind“ deutlich. Die Persönlichkeit eines erwachsenen Menschen bleibt vorhanden, ebenso viele sehr alte Erinnerungen und emotionale Zugänge. Gerade deshalb ist es so wichtig, Menschen mit Demenz nicht zu bevormunden oder zu „verkindlichen“, sondern ihre Erlebniswelt ernst zu nehmen. Musik, vertraute Rituale und eine passende Umgebung können selbst bei schwerer Demenz noch starke positive Reaktionen auslösen.
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